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Rudolf Borchardt: Krippenspiel. Herausgegeben und erläutert von Gunilla Eschenbach. Claudius Verlag, München 2019.

Das „Krippenspiel“ von Rudolf Borchardt aus dem Jahre 1920 ist Ende 2019 in bibliophiler Ausgabe erschienen. Das Buch ist mit zahlreichen scherenschnittartigen Illustrationen ausgestattet, wobei ein Hinweis auf die Herkunft dieser kleinen Kunstwerke leider fehlt.

Das ausführliche Nachwort der Herausgeberin Gunilla Eschenbach, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Stuttgart und Mitarbeiterin im Literaturarchiv Marbach, gibt Aufschluss über die Einordnung von Autor, Stück und Entstehungsgeschichte. Sie erläutert sowohl den starken traditionellen Bezug als auch die modernen Aspekte des Stücks: „Diese imaginierte semi-liturgische Grundstruktur ergänzte der Autor um eine ausgesprochen modern wirkende, psychologisierende Figurencharakteristik.“ So sieht sie Borchardts Vorbilder in den mittelalterlichen Mysterienspielen. Zugleich dominieren selbstbestimmte Figuren das Stück: Insbesondere Maria rückt in diesem Krippenspiel ins Zentrum des Geschehens. Altes und Neues ergänzen sich im „Krippenspiel“.
Die Hirten sind die, die mehr als die irdischen Eltern Jesu um dessen Bestimmung wissen. Der dritte Hirt bindet als Geschenk für den Knaben zwei Stecken zu einem Kreuz zusammen: „Wie’s auch ein Meister tut verwenden, Mit Kreuz um Kreuz muss alles enden; Rund ist der Reifen und die Welt. Hier ist das Kreuz, das beid’ erhält, Gott gebe, dass Dir’s wohlgefällt, Und wenn die Nägel dazu kommen, Gott weiß allein, wozu sie frommen.“ Den Gedanken, die Krippe mit dem Kreuz zu verbinden, hat Borchardt offenbar aus der ihm bekannten Passions-Frömmigkeit der Renaissance und Barockzeit geschöpft.

Der Lyriker, Übersetzer und Autor Rudolf Borchardt (1877-1945) gehörte mit dem befreundeten Hugo von Hofmannsthal zu einem Künstlerkreis, zu dessen geistigem Zentrum Schloss Neubeuern mit dem Jagdhaus Hinterhör zählte. Vor 95 Jahren am 14. Dezember 1920 kam Borchardt mit seiner 2. Frau nach Neubeuern. Gräfin Ottonie Degenfeld-Schonburg, „Herrin“ von Neubeuern, bat den Dichter um ein Krippenspiel für die Tochter Marie-Therese und ihre Freundin Christa von Bodenhausen. Bei seinem Besuch in Hinterhör 1920 brachte er das Spiel vom 18. auf den 19. Dezember zu Papier. Marie-Therese spielte die erste Maria.

Gedruckt wurde das Spiel 1922 bei Rowohlt. Die öffentliche Uraufführung war am 18. Dezember 1922 in Kiel. Im Schloss wurde das Spiel von 1967 bis 1985 unter der Regie von Wieland Goldberg aufgeführt. Die erste Wiederaufführung war im Dezember 2010, 90 Jahre nach Borchardts Besuch in Neubeuern.

Eine selbstbewusste, pragmatische Maria, ein demütiger Josef, vorausschauende Hirten und eine ungewöhnliche Konstellation der drei Könige machen Rudolf Borchardts Krippenspiel zu einem literarischen Fundstück. Borchardt findet einen Ton, der zum Herzen spricht. So kennt man ihn nicht, und so ist die Lektüre dieses kaum bekannten Werkes ein Gewinn und ein Genuss.

Quellen:
https://www.die-tagespost.de/aktuelles/forum/literatur-2019/Die-Gottesmutter-ist-nicht-auf-den-Mund-gefallen;art4933,203240; https://archiv.samerbergernachrichten.de/hinterhoerer-krippenspiel-in-neubeuern/